Alt Geismar
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Geschichte

Die Geschichte von Alt Geismar
 "Schon uns're Ahnen, auch Chatten genannt,
Alt-Geismar ehrten am Elberand.
Die "Donar-Eiche" Bonifatius hier fällt
und diese Botschaft ging in alle Welt".

 

So lautet ein Vers des "Geismarliedes", in dem damit die drei wichtigsten Fakten der Geismarer Geschichte angesprochen werden. In der hiesigen Gemarkung wurde über Jahrhunderte eine gewaltige Eiche, die dem germanischen Gott Donar geweiht war, von den Chatten und ihren Nachkommen verehrt; das Urheiligtum der Deutschen, wie sie von Geschichtsschreibern genannt wird. Bonifatius wirkte in Geismar "uff der Edern"; und alles hängt mit dem über 1600 Jahre bestehenden Alt-Geismar zusammen.
Dass die erste heilige Eiche, die Bonifatius fällte, in Geismar (beim heutigen Fritzlar) stand, ist seit langer Zeit unumstritten. Der bekannte Oxford-Professor Christopher Clark bestätigte dies noch einmal im Jahr 2015 in der TV-Sendung "Terra X".

Bonifatius, der 722 n. Chr. in Rom weilte, erhielt dort von Papst Gregor II. den Auftrag, die östlich des Rheins liegenden Gebiete zu missionieren. Schwerpunkte seiner Aktionen sollten Nordhessen, Thüringen und Sachsen (das spätere Niedersachsen) sein. Nach dem beschwerlichen Weg über die Alpen und die Hälfte Germaniens traf er in 723 n. Chr. zunächst auf der Amöneburg (bei Marburg) ein. Bald darauf erreichte er die Büraburg auf dem Büraberg, eine Grenzfeste der Franken.
Von der Burg aus nach Norden schauend, floss zu seinen Füßen die Eder, damals die Grenze bildend zwischen den bereits christianisierten Franken und den andersgläubigen Nordhessen und Sachsen. Daraus entstanden auch die Ortsnamen Frankenberg und Frankenau südlich der Eder und Sachsenhausen nördlich von ihr. Der Missionar hatte in ganzer Breite vor sich die Geismarer Gemarkung und mitten drin eine große Siedlung, in der zu dieser Zeit um die Tausend Bewohner lebten (Stand Mai 2016 hat Geismar 999 Einwohner). Außerdem war das erste Ziel seines Auftrags, die "Donar-Eiche", gut zu sehen. Sie stand entweder auf dem Platz, von welchem heute der Fritzlarer Dom grüßt, oder auf der Terrasse, die seit über 1000 Jahren die Geismarer Kirchen trägt; drei steinerne Vorgängerkirchen der jetzigen sind nachgewiesen.

Sowohl der Dom als auch die Gotteshäuser zu Geismar sind seit jeher "Peterskirchen". Für die Fritzlarer Variante spricht, dass die Geismarer Einwohner jährlich (bis zur Reformation) einmal zum "Fritzhoffe" (Friedhof am Domplatz) gingen, wo dann symbolisch ein Baum gefällt wurde. Genau so stark ist für den Geismarer Kirchplatz zu werten, dass die hohen Fritzlarer Stifts-, Domherren Jahr für Jahr "uff Dynshcedag (dienstags) in der Cruxwochen (Karwoche) dy Walfardt helden", die sie zur Geismarer Peterskirche führte.
Bonifatius zog dann mit seiner Schar, verstärkt durch fränkische Soldaten, zur Eiche. Gegen die Proteste der wütenden Heiden fällte er sie (oder ließ sie umhauen). Als jedoch keine Blitze die Frevler niederstreckten, kam es zu einer Massentaufe unter den Bewohnern der Region. Aus dem Holz des Baumes wurde eine kleine Kapelle errichtet, die Bonifatius dem heiligen Petrus weihte. Sie war die erste Kirche Geismars. Fritzlar wurde ein Jahr später gegründet.

 

Die Siedlung Alt-Geismar

Im Jahre 1955 entdeckten Mitglieder der "Arbeitsgemeinschaft für Ur- und Frühgeschichte Fritzlar" bei Flurbegehungen süd-westlich von Geismar und dem Elbebach Scherben aus der römischen Kaiserzeit (1.-4. Jh. n. Chr.). Die Ergebnisse weiterer intensiver Geländeabsuchungen unter Beteiligung des Landesamtes für Bodendenkmalpflege in den 1960er Jahren deuteten auf eine frühgeschichtliche Großsiedlung hin.

Durch die Funde an der Oberfläche konnte bereits ein für damalige Verhältnisse riesiges Besiedlungsarreal von ca. 15 ha nachgewiesen werden, das damit etwa der Größe des mittelalterlichen Fritzlars entsprach. Testgrabungen im Frühjahr 1973, die wegen des geplanten Baues einer Umgehungsstraße Richtung Edersee vordringlich durchgeführt werden mussten, bestätigten dann, dass die Siedlung von weit vor Chr. Geburt bis ins 11. Jh. n. Chr. bestanden hat.
Von Mitte 1973 an ist in "Alt-Geismar", wie es in Fachkreisen alsbald genannt wurde, ohne Unterbrechung bis zum Jahr 1980 ausgegraben worden. Unter der Leitung von Dr. Rolf Gensen und seines Grabungstechnikers Ernst Hendler wurden schon innerhalb kurzer Zeit zahlreiche bemerkenswerte Funde geborgen und datiert. Die Befunde ließen zu dieser Zeit schon die Feststellung zu, einen der bedeutensten Plätze im Bereich des Hauptsiedlungsgebietes der Chatten aufgespürt zu haben. Von der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" als "Großforschungsprojekt" eingestuft, konnte mit deren Geldern bis 1980 weiter ausgegraben werden. Erfasst waren bis zu dieser Zeit trotzdem nur 20% der Siedlung. Bis zu diesem Zeitpunkt waren an die 6.000 Kästen und Kartons mit Funden gefüllt, darunter fast 400.000 Gefäßscherben.
Nach dem ersten Abtragen der Pflugschicht mit einer großen Schürfkübelraupe beim Start der Grabung und vorsichtigem manuellen Abschaben und Putzen durch die vielen Helfer zeigten sich die Grundrisse von Häusern aus dem gesamten Siedlungszeitraum.

Neben den insgesamt 230 Grubenhäusern, bestehend aus Zwei-, Vier- und Sechspfosten-Konstruktionen, sowie 700 Abfall- und Vorratsgruben wurden viele große ebenerdige Häuser entdeckt; darunter auch drei sogenannte "Wohnstallgebäude" aus der Zeit um Christi Geburt. Eines davon hatte die Maße von 28,00 x 6,00 m. Sie unterlagen nach dem zuständigen Doktoranden "elbgermanischen" Einflüssen: d.h. die Ideen zu ihrem Bau brachten die aus den norddeutschen Niederungen zugewanderten Stämme mit. Genauso wie die Bachnamen: die "Elbe" bei Geismar und die "Ems" in der Nachbarschaft.

Ein großes Haus, in der Regel ca. 8,00 x 4,00 m, dazu mehrere Grubenhäuser und Speicherschuppen bildeten jeweils eine Hofanlage. Brunnen gab es auf den einzelnen Anwesen nicht. So wurden nur zwei Dorfbrunnen entdeckt. Einen, ca. 3m tief, aus der römischen Kaiserzeit, nicht mit Steinen sondern wohl durch Flechtwerk gefasst; und einen weiteren, der ungefähr vom 8. Jh bis zur Aufgabe der Siedlung, also über 300 Jahre, genutzt wurde. Er war 5 m tief und sauber mit Sandstein ausgemauert. Bei seiner Freilegung fand sich eine umfangreiche Kollektion von kugeligen Gefäßen mit Ausgusshüllen und Henkeln, die beim Schöpfen zerbrachen und in den Brunnen gefallen waren. Darunter befand sich auch ein völlig intakter Krug ohne Henkel und Tülle, mit zwei kleinen Dellen an der Seite, in die exakt die Daumenspitzen passten, wenn aus ihm getrunken wurde. Er ging als "ein Geismar"  (Maßeinheit: 1 Liter) in die Grabungsgeschichte ein.

Neben den reinen Hofanlagen wurden viele Gebäude mit speziellen Funktionen sichtbar:
Webhäuser; Produktionsstätten zur Eisen-, Bronze-, Glas- und Knochen-/Geweihverarbeitung; zwei Schmieden, Gerbereien und Häuser mit speziellen Feuerungseinrichtungen wie Back- und Verhüttungsöfen und Schmiedeessen. Die Werkstätten waren überwiegend in Grubenhäusern anzutreffen. Zu den spektakulärsten Funden, die während der Grabungsphase oder z.T. auch später (ca. 1980-2000) in Marburg* entdeckt und beschrieben wurden, zählen:

  • die Statuette des Harpokrates, eines kindlichen Soldatengottes
  • Pferde- und Hundeopfer
  • Säuglingsbestattungen, Babyrasseln und Spielwürfel
  • Dreilagenkämme aus Knochen und Horn
  • Haarnadeln, Gewandfibeln, Glasperlen
  • eiserne Steckschlüssel, Gürtelbeschläge und -schnallen, Sporen, Hämmer, Nägel
  • Fingerringe, Münzen
  • Mahlsteine und Drehmühlen, z.T. aus Lavalit (Eifel)
  • glasüberzogene Glättsteine zum Bügeln
  • Messer, Scheren, Pfrieme, Nadeln, Kettenglieder, Hufeisen, Sicheln
  • zahllose Wetzsteine und Spinn-/Webwirtel
  • Teile von römischen Amphoren und Terra-Sigillata-Gefäßen
  • Schmelztiegel, u.a. die eines Goldschmiedes; Schlacken und Gießüberläufe aus Eisen, Bronze und Glas
  • handwerklich bearbeitete Knochen und Geweihstücke
  • mehrere Schabeisen eines Gerbers; nur eine Pfeilspitze und das Fragment eines Kurzschwertes (Sax)
  • sowie (nach Stand von 2000) : mehr als eine Tonne noch nicht ausgewerteter Tierknochen; dabei Schädelteile eines Auerochsen und eines Elchs.

* Ein großer Teil der gefüllten Kisten und Kartons war bei Abschluss der Grabungen (1980) noch nicht untersucht und beim Amt in Marburg eingelagert worden.

Größere Geräte, Waffen und Schmuckgegenstände konnten nicht erwartet werden, da die Siedlung nach und nach friedlich verlassen wurde. Alles, was irgendeinen Wert hatte, nahmen die Bewohner mit in ihre neuen Höfe und Haushalte in den Hanglagen oberhalb der Elbe. Die ältesten Spuren, die für eine dauerhafte Besiedlung von "Alt-Geismar" sprechen, stammen aus dem 6-5. Jh. v. Chr.. Um Christi Geburt kamen zu den keltischen Bewohnern Chatten und Sueben hinzu.
Eine Blütezeit mit der größten Einwohnerzahl (ca. 1.000) kam mit der Karolingerzeit (8./9. Jh. n. Chr.). In der Lebensbeschreibung des Hl. Bonifatius, verfasst von Willibald Mönch und Sekretär des damaligen Erzbischofs von Mainz, wird das Dorf in 723 "loco Gaesmare" und im Zusammenhang mit dem Überfall der Sachsen und Belagerung der Büraburg in 774 "villa Gesmari" genannt. Der Beginn der Abwanderung lag in der 1. Hälfte des 10. Jh.; sie zog sich hin bis zur Aufgabe der letzten Häuser etwa 200 Jahre später.

Die langzeitige Ausgrabung gehört heute noch zu den größten archäologischen Ereignissen in Hessen und erlangte Bekanntheit weit über die Grenzen des Landes hinaus. Unsere Vorfahren auf der Basis vieler exakter Forschungsergebnisse zu ehren, führte in 1996-98 zum Bau einer Hofanlage aus der Hauptsiedlungsphase und ab 2013 zur Grundinstandsetzung und zu weiteren Zubauten im "Alten Gehöft" von Geismar.

Hans Günter Humburg, (Hobby Historiker) im Juni 2016

 
Literatur:

  1. "Die chattische Großsiedlung von Fritzlar-Geismar, Schwalm-Eder-Kreis" - von Dr. Rolf Gensen, 1978
  2. "Die Siedlung von Geismar bei Fritzlar" - von Dr. Andreas Thiedmann, 2000

Gebäudeübersicht von Alt Geismar

Gebäudeübersicht PDF

 

Wohnhaus / Webhaus

Wohnhaus / Webhaus

Die Grundfläche des Hauses ist ca. 8,00 x 4,00 m groß, die Ständer (tragende Stützen) werden ca. 1,10 m tief eingegraben. Die Randpfosten, Fußfetten und Firstfette als tragende Dachkonstruktion werden aus Rundholz (Eiche) erstellt. Die Wände werden mit Weidenflechtwerk Versehen und mit Lehm und Stroh verputzt.

Grubenhaus

Grubenhaus

Die Grundfläche des Hauses ist ca. 4,00 x 2,60 m groß, die Ständer (tragende Stützen) werden ca. 1,70 m tief eingegraben. Die Fußfette und Fiirstfette als tragende Dachkonstruktion werden aus Rundholz (Eiche) erstellt.

Brunnenhaus

Brunnenhaus

Die Grundfläche des Hauses ist ca. 4,00 x 3,00 m groß, die Ständer (tragende Stützen) werden ca. 0,60 m tief eingegraben. Der darunter liegende Brunnen wird naturgetreu, wie bei den Ausgrabungen vorgefunden mit Feldsteinen aus der Gemarkung nachgebaut.

Backhaus

Backhaus

Die Grundfläche des Hauses ist ca. 3,00 x 2,00 m groß, die Ständer (tragende Stützen) werden ca. 0,90 m tief eingegraben. Die Fußfette und Firstfette als tragende Dachkonstruktion werden aus Rundholz (Eiche) erstellt.

 

Bilder von der Augrabung

 

 

Flurkarte und Funde